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Social Media verbieten? - Vermeintliche Lösung für ein komplexes Problem

Die EKKJ leistet mit dem vorliegenden Positionspapier einen Beitrag zur aktuellen Debatte um Social-Media-Verbote. Sie plädiert für partizipativ erarbeitete Regeln statt pauschaler Verbote, die Förderung von Medienkompetenz und eine gesetzliche Regulierung der grossen Online-Plattformen. 

Die Diskussion um Social Media und ihren Einfluss auf Jugendliche hat in den letzten Jahren stark an Intensität gewonnen. Immer häufiger werden in Medien und Politik Forderungen laut, den Zugang und den Umgang mit sozialen Netzwerken für Kinder und Jugendliche gesetzlich zu verbieten oder zumindest stark einzuschränken, um Kinder und Jugendliche vor Risiken wie Cybermobbing, Suchtgefahren und Desinformation zu schützen. Die EKKJ leistet mit dem vorliegenden Positionspapier einen Beitrag zu dieser aktuellen Debatte. Gegenstand des Positionspapier sind Social-Media-Verbote; es geht nicht um Smartphoneverbote, weder um generelle noch um solche an Schulen. 

Aus Sicht der Kommission sind pauschale Verbote von Social Media für Kinder und Jugendliche nicht zielführend und nur eine vermeintliche Lösung für ein komplexes Problem. Die Kommission hält solche Verbote bezüglich der negativen Folgen, die diese zeitigen können, für weitgehend unwirksam. Gleichzeitig schränken sie positive und notwendige Lernprozesse ein, verhindern den Erwerb sinnvoller Kenntnisse und Kompetenzen und verunmöglichen wichtige Erfahrungen.

Vielmehr als pauschale Verbote braucht es einen klaren Fokus auf die im Folgenden dargelegten Punkte.

Kinder haben auch im digitalen Raum zahlreiche Rechte, die zu schützen und zu fördern sind. Dazu zählen das Recht auf Schutz und Unversehrtheit, aber auch das Recht auf altersgerechten Zugang zu Information und Bildung sowie das Recht auf Teilhabe an digitalen Angeboten. Ausserdem muss die Meinung von Kindern und Jugendlichen in allen Angelegenheiten, die sie betreffen, angemessen berücksichtigt werden. Statt genereller Verbote, die die Handlungsfähigkeit sowohl von Eltern als auch von Kindern unnötig einschränken, braucht es partizipativ ausgehandelte Regelungen, die auf den jeweiligen Entwicklungsstand und Lebenskontext der Kinder abgestimmt sind. Klare Regeln und Leitlinien zur Mediennutzung sollten gemeinsam mit den Kindern entwickelt werden, um deren Recht auf Mitsprache zu wahren und altersgemässe Selbstregulation zu fördern.

Kinder und Jugendliche brauchen Räume und Gelegenheiten, um die notwendigen Kompetenzen zu erlernen, die ihnen erlauben, sich sicher, selbstbestimmt und kritisch in der (digitalen) Welt bewegen zu können. Nebst der Medienkompetenz gehören dazu auch Urteilskraft, Dialogfähigkeit und Kompromissbereitschaft – Grundpfeiler demokratischer Teilhabe. Politische Bildung findet auch im digitalen Raum statt. Die Förderung von Medienkompetenz, Selbstregulation und anderen Sozial- und Selbstkompetenzen bei Kindern und Jugendlichen muss alters- und entwicklungsangemessen gestaltet sein. Niederschwellige Angebote, die praktische Erfahrung, Reflexion und kreativen Umgang mit digitalen Medien ermöglichen, sind hierbei essenziell. 

Lernprozesse erfolgen, indem Kindern und Jugendlichen Aufgaben gestellt werden, an denen sie wachsen können. Die begleitende Unterstützung durch Erwachsene nimmt dabei eine wichtige Rolle ein. Medienkompetenz umfasst mehr als Wissen: Sie entsteht durch aktives Handeln, Austausch und die Möglichkeit, digitale Technologien selbstbestimmt im geschützten Rahmen auszuprobieren und zu lernen, mit den dabei gemachten Erfahrungen und Erlebnissen umzugehen. Eltern, Lehrkräfte und weitere Bezugspersonen müssen ebenso adressiert werden, da sie eine Schlüsselrolle in der Unterstützung spielen.

Der Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und der Nutzung von Social Media ist komplex und muss differenziert betrachtet werden. Effekte können positiv oder negativ ausfallen, abhängig sein von Quantität und Qualität der Nutzung und sich je nach Person und Plattform unterscheiden. Kompetenzen im Umgang mit Social Media und Smartphones sowie zur Selbstregulation sollen gestärkt werden. Jugendliche, Eltern und Fachpersonen müssen befähigt werden, nicht nur Risiken im Zusammenhang mit Social Media zu erkennen und einzuordnen, sondern vor allem auch ihre Ressourcen und Entwicklungspotenziale zu nutzen – etwa zur Förderung von Selbstvertrauen, sozialer Teilhabe, Wohlbefinden und dem Wissen über psychische Gesundheit und vorhandene Hilfsangebote.

Die Nutzung von Social Media wird stark von Algorithmen beeinflusst Die marktorientierte Logik der Plattformbetreiber zielt darauf ab, die Nutzungsdauer zu maximieren und die Aufmerksamkeit der Nutzerinnen und Nutzer zu binden. Es braucht Transparenzpflichten für die Plattformbetreibenden und eine stärkere Regulierung von Online-Plattformen mit klaren gesetzlichen Vorgaben. Die Gewährleistung von sicheren Rahmenbedingungen auf gesetzlicher Ebene ist eine Massnahme, die allen Kindern und Jugendlichen gleichermassen zugutekommt.

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